12. Schinderhannes MTB-Marathon 2016 – (m)ein Erfahrungsbericht

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Text: Christine Sohn
Mein erstes Rennen für diese Saison ist der Schinderhannes. Ungeduldig hatte ich dem entgegengefiebert. Die Erwartungen waren hoch, lief doch die Vorbereitung ausnahmsweise mal genau nach Plan: keine Verletzungen, keine dicke Erkältung, Trainingslager auf Mallorca – alles prima!

Und dann geht’s los: 9:30 Uhr Start auf den Halbmarathon. Schon nach 1 km weiß ich – die Beine sind heute nicht top. Aber vielleicht wird das ja noch?! Erst mal die Einführungsrunde zügig fahren, gut den ersten Trail runter kommen, Tempo machen bis Gondersch und dann wird das schon.

Wie gewohnt ziehen zu Anfang einige Fahrer an mir vorbei, auch ein paar Mädels. Bin ich gewohnt – und der Schinderhannes wird nicht auf der ersten Hälfte gewonnen, sage ich mir.

Es geht hoch Richtung Thörlingen durch die Wiese, da braucht man erste Körner. Trail runter zur Kläranlage dann ein Stück flach. Immer noch sind viele übermotiviert und überholen durchs hohe Laub. Ich weiß, gleich kommt die erste fiese Rampe und versuche locker zu bleiben. Das klappt ganz gut und ich schließe auf den ein oder anderen wieder auf.

Trail zum Thörlinger Loch. Der ist nicht wirklich einfacher geworden durch die Forstarbeiten im Winter und so mache ich noch ein paar Plätze gut. Im darauf folgenden ersten etwas längeren Anstieg sind die meisten Gemüter abgekühlt und man sortiert sich friedlich in Reih und Glied.

Schon sind wir in Bickenbach mit der langen Abfahrt ins Baybachtal. Aktive Erholung bei Tempo 40+, Schwung mitnehmen für die kurze Teerpassage und dann zügig Richtung Schnellbach. Hier soll es einen neuen Trail zum unteren Weg am Bach geben. Ich mache mir wenig Sorgen, es ist steil, aber technisch unkritisch. Schon geht’s wieder runter zum Baybach.

Fix durch die Bach und in den nächsten Anstieg – Sevenich. Jetzt kommt der erste wirklich knifflige Trail. Ich überhole einen Dr. Cannondale-Fahrer, der schiebt in der Mitte schon fast. Jetzt die fiese Wurzel mit dem Absatz: bin ich schon zehnmal gefahren, kein Zweifel, dass das im Rennen geht! Uuups, die Stelle ist extrem ausgefahren, ich treffe die Linie nicht, das wird nix mehr… Sturz! Dreck!

Ich habe Glück im Unglück, ich falle gegen den Hang, nicht abwärts. Das Rad überschlägt sich raffiniert und steht in Fahrtrichtung zum Weiterfahren bereit. Kurzer Check: Arm aua, aber noch dran, Knie aua, aber auch noch dran. Mit ein paar blauen Flecken kann ich leben und vor allem weiterfahren.

Nach paar hundert Metern habe ich auch meinen Rhythmus wiedergefunden, so kann es hoch nach Gondersch gehn. Im Anstieg holt mich Torsten Franz ein. Dem hatte ich eingeschärft, er darf heute nicht nach mir ankommen und es scheint zu laufen bei ihm. Oben ist die VP, ich nehme einen Becher Wasser und fahre durch.

Straßenüberquerung, Gegenwindstück, zwei kleine Trails und schon sind wir am Hohlweg zur Daubisberger Mühle. Den kenne ich und lass es krachen, überhole zwei, drei Kollegen und augenblicklich sind wir im nächsten Anstieg. Es läuft. Runter Richtung Preisbach, hoch zum Sauerbrunnen, wieder runter, noch mal hoch. Klackern von der Kette hinten. Was ist das? Das vermaledeite Röllchen ist wieder aus seiner Führung gesprungen. Das muss ich richten. Aber das muss warten bis oben – nur nicht zu viel Zeit verlieren! Halten, zweimal drücken, aufspringen, weiter!

Trail runter zur doppelten Bachdurchfahrt. Das ist wie beim Cocktail mixen: erst sehr gut durchgeschüttelt und dann zwei kräftige Spritzer Wasser obendrauf. Vielleicht hilft‘s für den Anstieg „Schöneck“!?

Mal flacher mal steiler gelangt man zum Schloss. Sogleich geht es ab in den neuen Trail. Zieht er sich erst noch am Hang entlang, weiß ich schon, wie das endet: steil und steiler! Höchste Konzentration, Anspannung! Puh, der Weg! Alles gut. Alles gut? Aua, nein. Ein Krampf. Nur vom Gegenhalten bergab. Dreck! Ich versuche den rechten Oberschenkel zu lockern, sanft kurbeln, lieblich das Tal hochfahren… Und so wird es nach paar hundert Metern wieder. Aber ein ungutes Gefühl bleibt.

An der folgenden VP schnell ein Becher Wasser. Vorne kann ich Torsten sehen. Hole ich auf? Bis zur Neyer Kläranlage habe ich aufgeschlossen. Dann bekanntes Kettenklackern von hinten. Wieder runter vom Rad, das Röllchen zur Raison rufen, rauf und weiter. Torsten hat sich mit einem Mädel davon gemacht. Ich bin entschlossen mir die wieder zu holen. Kurz vor Ney wird es steiler und ich habe beide eingeholt. Torsten muss reißen lassen, die Kollegin bekommt einen Motivationsschub. Nagut, ist ja noch nicht aller Berge Ende.

Kurzes Auf und Ab löst sich mit Wiesenwegen ab, kurze Abfahrt: Dieler. Speedabfahrt zum Preisbach, Bachdurchfahrt und schon sind wir im langen Anstieg Richtung Waldsee. Die Kollegin von eben habe ich irgendwo überholt, es kommt die Greenzonebikerin ins Blickfeld. Vor der Rampe am Steinbruch überhole ich, kurberle mich einigermaßen locker da hoch, oben wieder Druck geben auf dem ungeliebten Wiesenweg.

Früher wäre man jetzt so gut wie im Ziel. Das ist schlecht für den Kopf, verrät doch das Schild am Rand „noch 10 km“ und mein Garmin „noch 300 hm“. Gefühlte sieben Mal noch runter zum Baybach und wieder hoch! Und gleich im nächsten Anstieg erwischt mich ein Krampf im linken Bein. Argh!

Ab jetzt wird nur noch verwaltet. Es kommt, wie es kommen muss: die beiden Mädels schnackeln mich wieder ohne Probleme. Ich fahre „locker“ weiter. Noch 7 km, 5 km – letztes Mal Baybachtal. Auf dem Teer erreiche ich sowas wie Geschwindigkeit. Scharf links in den Trail, erst halbwegs flach, dann die steile Rampe. Oben die Greenzonebikerin. Erwische ich die trotz allem noch? Schiebend erst mal nicht, aber da kommt noch ein Teerstück und zwei schnelle Trails. Vor zweiterem hab ich sie und gebe alles, was ich mich mit dem Krampf im Hinterkopf traue.

Hoch zum Heilbrünnchen bleibe ich vorn. An den beiden Brückelchen höre ich was direkt hinter mir. Verliere ich den mühsam erkämpften Platz noch? Aber es ist ein Marathoni, der mich schnackelt – die dürfen das. Letzte zwei Kilometer. Ich schaffe das! Und dann kommt aus dem Nichts doch noch ein Mädel von Power Unit Sports – die habe ich das ganze Rennen noch kein einziges Mal gesehen. Was hat die 65 km lang gemacht? Sich ausgeruht für den Schlusssprint? Keine Frage, da kann ich nicht mit. Ich mobilisiere alles, habe noch Zeit letzte „sterbende“ Kurzstreckenfahrer zu bedauern, Rampe hoch zur Straße, die Wiese ist heute Pille-Palle, einmal rum, Ziel!

Die Uhr bleibt bei 3:57:55 h stehen als 10. Frau gesamt. Persönliches Ziel erreicht und eine kleine Versöhnung mit dem Rennen, das mir doch einige unliebsame Überraschungen bescherte.

Auch der Rest des X-SPORT Teams kann ansehnliche Ergebnisse vorweisen:

Halbmarathon

Philipp Schmidt, 12. AK, 34. Gesamt in 3:06:47 h

Volker Kludas, 9. AK, 61. Gesamt in 3:20:10 h

Peter Linden, 16. AK, 82. Gesamt in 3:26:29 h

Christine Sohn, 10. Frau, 198. Gesamt in 3:57:55 h

Uwe Petry, 50. AK, 239. Gesamt in 4:09:47 h

Steffen Zuck, 51. AK, 241. Gesamt in 4:09:58 h

Torsten Franz, 88. AK, 244. Gesamt in 4:13:11 h

Kurzstrecke

Julian Schraml, 14. AK, 30. Gesamt in 1:44:58 h

Thomas Reidenbach, 13. AK, 53- Gesamt in 1:51:27 h

Johannes Grunow, 25. AK, 150. Gesamt in 2:09:41 h

Frank Christ, 51. AK, 175. Gesamt in 2:14:31 h  

 

Funstrecke

Peter Hoffmann, 2. AK, 9. Gesamt in 1:06:04 h

Achim Span, 4. AK, 16. Gesamt in 1:07:35 h

Dennis Jonas, 9. AK, 41. Gesamt in 1:14:24 h 

Florian Pilger, 10. AK, 42. Gesamt in 1:14:46 h

Andreas Nick, 24. AK, 99. Gesamt in 1:32:16

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Über den Autor

Schon früh entdecke ich die Leidenschaft für Trail-Rennen. Bereits 1999 nahm ich am Swiss Alpin Marathon in Davos teil. Seit dem bin ich am liebsten auf Trails unterwegs. Nicht nur bei Rennen und nicht nur in den Alpen. Der Hunsrück bietet mit seinen Traumschleifen einen unendliche Vielfalt an Trail-Strecken, auf denen es nie langweilig wird. Neben den Trails gibt es selbstverständlich auch viel Zeit mit der Familie, meiner Frau und den drei Jungs zu verbringen. Dabei ist Reisen unsere gemeinsam große Leidenschaft.

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